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Logopädie als Unterstützung

Nicht alle Kinder lernen problemlos sprechen: Einige beginnen sehr spät, andere haben Fehler in der Aussprache oder einen sehr kleinen Wortschatz. Die Ursachen dafür sind sehr unterschiedlich. Logopädinnen und Logopäden können die Probleme diagnostizieren, therapieren und Unterstützung bieten.
Oft fällt erst auf, dass Kinder Probleme mit dem Spracherwerb haben, wenn sie eingeschult werden sollen. Dann ist die wichtige Phase des Spracherwerbs allerdings schon vorbei. Denn der Großteil der Sprachentwicklung findet in der Regel in den ersten zwei Lebensjahren statt. Sind die Kinder vier Jahre alt, haben sie den größten Teil des Spracherwerbs schon abgeschlossen. „Eigentlich beginnt das Erlernen des Sprechens gleich nach der Geburt. Wenn Säuglinge im Kinderwagen schreien, nutzen sie auch ihre Artikulationswerkzeuge zur Kommunikation. Das ist eine Form der Übung. Gleichzeitig nehmen sie über das Hören bestimmte Sprachmelodien wahr, die sie bald schon wiedererkennen“, erklärt Sonja Utikal. Die staatlich anerkannte Logopädin arbeitet für den Deutschen Bundesverband für Logopädie im Referat Logopädie.

Wie die kindliche Sprachentwicklung verläuft
Mit rund einem Lebensjahr, wenn sie auch mit dem Laufen beginnen, sprechen die meisten Kinder die ersten Worte, die auch Außenstehende wiedererkennen. Danach baut das Kind seinen Wortschatz auf. „Das dauert ein wenig, denn die Kinder müssen lernen, die Wörter wiederzuerkennen. Dazu muss es lernen, welche Bedeutung Ausdrücke haben, es muss sie verknüpfen, abrufen und bilden, also aussprechen, können“, verdeutlicht Sonja Utikal. Danach machen die meisten Kinder einen Sprung in der Sprachentwicklung, denn sie haben die Technik des Spracherwerbs verbessert und lernen schneller. Mit dem zweiten Lebensjahr sollten Kinder die ersten 50 Wörter erlernt haben. „Einige lernen weniger, dafür können sie aber bereits erste Wortkombinationen bilden“, schwächt die Logopädin ab. Mittlerweile hat sich auch der Begriff „Late Talker“ durchgesetzt, der für Kinder steht, die erst spät mit dem Sprechen anfangen. Derzeit gibt es allerdings noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse darüber, ob es möglich ist, dass Kinder im dritten Lebensjahr den gesamten Spracherwerb nachholen können oder ob Defizite bleiben.
Damit Eltern nachvollziehen können, was ihr Kind in welchem Lebensjahr sprachtechnisch bereits können sollte, gibt es so genannte Meilensteine. Diese sind unter anderem auf der Internetseite des Deutschen Bundesverbands für Logopädie einsehbar. Sollten Kinder Nachholbedarf haben oder Eltern starke Probleme in der Aussprache bemerken, ist es hilfreich, einen Kinderarzt um Rat zu bitten. Dieser kann eine Überweisung für eine logopädische Untersuchung ausstellen. Dann können Logopädinnen und Logopäden einschätzen, ob Kinder Unterstützungs- oder Therapiebedarf haben.

Logopädie als Unterstützung und Therapie
Sonja Utikal rät Eltern, bei Sorgen diesen Weg zu gehen: „Wenden sie sich an ihren Kinderarzt! Dieser kann bei Bedarf eine logopädische Untersuchung veranlassen.“ Logopädinnen und Logopäden haben das Fachwissen, Sprachentwicklungsstörungen und -verzögerungen zu erkennen und unterscheiden zu können. „Die Weiterentwicklung in der logopädischen Forschung in den letzten zwanzig Jahren hat zu neuen Forschungsergebnissen geführt. So haben unterschiedliche Fehler in der Aussprache von Kindern, die für Laien fast gleich klingen, auch verschiedene Ursachen und müssen dementsprechend auch unterschiedlich angegangen werden“, betont Utikal. Auch sei das, was Eltern von ihren Kindern hören, oft nur die Spitze des Eisbergs „Sprachkompetenz“. Für eine wirkliche Diagnose lohne es sich, die Expertinnen und Experten aufzusuchen und mit ihnen abzuklären, warum eine mögliche Therapie oder Förderung sinnvoll ist und wie diese aussehen kann. „Wenn Kinder eine Sprachentwicklungsstörung haben, brauchen sie logopädische Therapie. Das ist dann der einzig richtige Weg – und Eltern haben dafür meist schon ein Gefühl“, erklärt Sonja Utikal. Manche Kinder dagegen sind lediglich verzögert in ihrem Spracherwerb. Hier hilft eine Förderung, denn manchmal sind die Bedingungen für das Erlernen von Sprache und Kommunikation nicht optimal. „Wir schauen dann, wie wir diese verbessern können und beziehen die Eltern mit ein“, berichtet die Logopädin. Oftmals bleibt es in solchen Fällen auch bei einzelnen Terminen, um die Fortschritte im Spracherwerb zu beobachten: Welchen Entwicklungsstand hat das Kind, wenn es das erste Mal in die Praxis kommt und wie entwickelt es sich weiter? Utikal betont: „Unsere Aufgabe sehen wir nicht nur in der Therapie und Behandlung von Sprachstörung, sondern auch in der Förderung des Spracherwerbs: Dazu gehört auch, dass wir Eltern Tipps geben, Erzieherinnen und Erzieher schulen und Weiterbildungen anbieten.“
Computer und Smartphones kein Ersatz
Immer mehr Computerprogramme und Fernsehserien für Kinder werben damit, dass sie die Sprache von Kindern fördern. Sonja Utikal rät davon allerdings ab: „Smartphones können kein Ersatz für einen realen Gesprächspartner sein. Deshalb sollten Erwachsene Kindern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken und Interesse für das zeigen, was ihnen das Kind mitteilen möchte. Denn darauf sind Kinder angewiesen, wenn sie ihre Sprache entwickeln: sprachliche Angebote von Kommunikationspartnern.“

Weitere Infos: www.dbl-ev.de

Tipp: Für Erzieherinnen und Erzieher bietet der Deutsche Bundesverband für Logopädie die Fortbildungsreihe „Sprachreich“ an. Hier lernen sie, wie sie Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren alltagsorientiert beim Spracherwerb unterstützen können. Trainerinnen und Trainer des Programms können ebenfalls über die Homepage des Verbands gefunden werden.
Lisa-Marie Davies

Tipps für Eltern, Erzieherinnen und Erzieher

Beim Sprechenlernen können Eltern ihre Kinder gut unterstützen. REVIERkind hat bei Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie nachgefragt, welche einfachen Anregungen es für die Förderung der Sprachentwicklung des Nachwuchses gibt:
Sprechen, sprechen, sprechenKinder entwickeln ihr Sprachverständnis schon früh und entwickeln über das Hören ein Gefühl für Sprachmelodien. Deshalb ist es wichtig, schon früh mit ihnen zu sprechen und auf ihre Kommunikationsversuche (dazu gehört bei Babys auch das Schreien oder Lachen) zu reagieren.

Routinen nutzen
Schon beim Wickeln oder Waschen der Babys mit ihnen sprechen und kommunizieren. So werden Kinder schon von klein auf mit der Sprache vertraut.
Singen und FingerspieleGemeinsames Liedersingen oder lustige Aufzählreime mit Handbewegungen machen nicht nur Spaß, sondern fördern den Wortschatz und machen mit der Sprachmelodie vertraut.

Wertschätzender Umgang
Hoppla, das Kind hat ein Wort falsch ausgesprochen? Nicht schlimm. Einfach unkommentiert wiederholen. Auf den Inhalt des Gesagten achten: „Das war falsch. Es heißt …“ oder Aufforderungen zum Nachsprechen vermeiden. Wichtig ist, dem Kind deutlich zu machen, dass es verstanden wurde.
Zum Erzählen animierenKinder wollen erzählen, wenn man sie fragt. Offene Fragen wie „Was habt Ihr heute in der Kita gemacht?“ oder „Was möchtest du essen?“ sind besser als Ja/Nein-Fragen.

Ansprechbar sein
Damit Kinder ihrem Sprachdrang freien Lauf lassen können, brauchen sie jemanden, der ihnen zuhört. Deshalb gilt: ansprechbar sein. Auch wenn das bedeutet, ab und zu die eigene Tätigkeit zu unterbrechen oder das Handy zur Seite zu legen. Mit Nachfragen zeigt man dem Kind gegenüber Wertschätzung und regt es zum Sprechen an.

Nicht unterbrechen
Auch, wenn es manchmal schwer ist: Es ist wichtig, Kinder aussprechen zu lassen und sie währenddessen nicht zu unterbrechen oder zu korrigieren.

Bilderbücher gemeinsam ansehen
Zeichnungen lassen sich auch sprachreich betrachten. Nicht nur einfache Fragen wie „Wo ist der Hund?“ stellen, sondern das Kind entdecken und erzählen lassen: „Was macht der Hund denn da?“

Spielen statt üben
Im Spiel lernt das Kind am besten. Das Wiederholen von Begriffen wie etwa „Ball“ oder „Puppe“ sorgt dafür, dass der Nachwuchs schon früh versteht, welches Wort zu welchem Gegenstand gehört und dass sowohl ein Wasserball, ein Tennisball als auch ein Lederball mit dem gleichen Oberbegriff bezeichnet werden können.
Den Alltag nutzenTagesabläufe sind gespickt mit zahlreichen Situationen, die zum Sprechen anregen. Auch beim Einkaufen gibt es genug Möglichkeiten, mit dem Kind zu kommunizieren: Gemeinsam Lebensmittel von der Einkaufsliste im Laden zu suchen, gibt dem Kind zum Beispiel die Möglichkeit, neue Worte zu lernen und bereits bekannte Bezeichnungen zu festigen.

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