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Leistungsdruck und Schulstress bei Schülern

Leistungsdruck bei Schülern: Kind völlig erschöpft
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Immer mehr Leistungsdruck und Schulstress bei Kindern und Jugendlichen

Homeschooling, Wechselmodell, Präsenzunterricht, dazu Maskenpflicht und regelmäßige Corona-Tests unter Lehreraufsicht – das letzte Schuljahr war wohl eines der außergewöhnlichsten und herausforderndsten bisher. Am 18. August starten die fast 2,5 Millionen Schüler in NRW wieder in einen hoffentlich „normaleren“ Schulalltag. Zum jetzigen Zeitpunkt soll der Betrieb an den Schulen nach den Sommerferien mit voller Präsenz der Schüler und auch im vollen Umfang starten – allerdings nicht ganz ohne Einschränkungen und Regeln.

Das neue Schuljahr soll mit „einer Phase des Ankommens“ beginnen, sagte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer in einer Sondersitzung des NRW-Schulausschusses. Bis Ende August sollte es möglichst keine Arbeiten und Tests geben. Stattdessen stehe das „soziale Miteinander“ und die „Entwicklung von Lernfreude“ im Mittelpunkt. Als Beispiele nannte Gebauer tägliche Sporteinheiten oder Besuche von Orten außerhalb der Schule. (Schulmail vom 30. Juni 2021)

Aber wie ist es für die Schulkinder nach dieser „Ankommensphase“, wenn es dann mit den regulären Leistungsüberprüfungen, Klassenarbeiten und Klausuren weitergeht? Experten warnen davor, dass viele Kinder überfordert sein könnten und der Leistungsdruck noch höher wird als zuvor – denn den gab es vor Corona auch schon. REVIERkind hat sich mit dem Thema „Leistungsdruck und Schulstress bei Schülern beschäftigt. Wie dieser entstehen kann und worauf Eltern achten sollten, lesen Sie auf dieser Seite. Zudem haben wir mit Katrin Zirkel, Heilpraktikerin Psychotherapie und Burn-out-Beraterin in Bochum, darüber gesprochen.

DAK-Studie zeigt seelische Belastungen der Schulkinder vor und während Corona

Kontaktbeschränkungen, Wegfall von Freizeitangeboten, Schließung der Schulen, Lernen zu Hause – besonders Kinder und Jugendliche hat die Corona-Krise hart getroffen. Der aktuelle Präventionsradar 2021 der DAK-Gesundheit zeigt, dass die Lebenszufriedenheit der Schüler im Schuljahr 2020/2021 um 21 Prozent sank.

Laut DAK-Studie fühlte sich zudem jedes siebte Schulkind oft niedergeschlagen und häufig unglücklich. Vor allem Mädchen sind von zunehmenden emotionalen Problemen betroffen. In der aktuellen Befragung zeigten 23 Prozent Symptome depressiver Störungen: Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Interessenverlust und sozialer Rückzug.

Doch bereits vor Corona war die seelische Belastung hoch, wie der Präventionsradar 2020 der DAK-Gesundheit zeigt. Beschwerden wie Stress, Erschöpfung und Schlafstörungen waren schon vor dem ersten Lockdown kein seltenes Phänomen. Bei 25 Prozent der Schulkinder traten mehrere Male in der Woche oder täglich Ein- und Durchschlafschwierigkeiten auf, 46 Prozent der über 15-Jährigen fühlten sich mehrmals oder täglich erschöpft. Auslöser dieser Beschwerden können von Kind zu Kind unterschiedlich sein. Einer der häufigsten Gründe ist jedoch Überforderung.

Stress, Leistungsdruck und Überforderung

In den meisten Familien ist der Alltag straff durchgeplant. Erst ein langer Schultag, dann stehen für die Kinder meist Hausaufgaben, Vereinssport, Musikunterricht, Nachhilfe oder andere Aktivitäten auf dem Programm – so kommen die Kids schnell auf eine 50-Stunden-Woche. Viel Spielraum für erholsame Freizeit bleibt da nicht. Zu diesem Terminstress gesellt sich dann auch noch der Stress in der Schule.

Überforderung durch komplizierte Aufgaben oder ein zu hohes Arbeitspensum gehören neben Angst vor Prüfungen und Lehrern zu den wesentlichen Gründen für schulischen Stress. Doch auch Mobbing oder andere Konflikte, Überreizung durch Lärm und Medienkonsum können für die Kinder und Jugendlichen als extrem belastend empfunden werden. In unserer schnelllebigen Welt wächst auch der gesellschaftliche Druck. Die Erwartungshaltung der Eltern und auch der Kinder an sich selbst ist oftmals hoch. Eine intensive Förderung, um dem Nachwuchs einen guten Weg in die Zukunft zu eben, kann allerdings auch genau das Gegenteil bewirken, da die Kinder häufig über ihre Leistungsgrenze getrieben werden.

Dass bei all dem Leistungsdruck und den Erwartungshaltungen körperliche und seelische Probleme und Erkrankungen bei Kindern in den letzten Jahren immer mehr zunehmen, ist daher nicht verwunderlich. Stresssymptome bei Kindern und Jugendlichen Wenn Kinder unter starkem Schulstress leiden, können die Symptome vielfältig sein: von Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit oder Durchfall über starke Müdigkeit oder Schlaflosigkeit bis hin zu einem Burnout und Depressionen.

Die häufigsten Stresssymptome sind:

• Schlafstörungen
• Kopfschmerzen
• Bauchschmerzen
• Essstörungen wie Appetitlosigkeit oder auch übermäßiges Essen
• Konzentrationsprobleme
• plötzliches Absacken der schulischen Leistungen
• Albträume
• Veränderung im Verhalten wie sozialer Rückzug, vermindertes Selbstwertgefühl
• aggressives oder depressives Verhalten

Eltern sollten genau beobachten, wann solche Symptome bei ihrem Kind auftreten – jeden Tag vor der Schule, immer dienstags vor der Mathestunde oder wenn Sport auf dem Stundenplan steht. Daraus lässt sich häufig schließen, was der genaue Auslöser für Stress bei dem Kind ist. Aber auch, wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind nicht mehr so viel aus der Schule oder Freizeit erzählt wie vorher oder immer stiller wird, sollte mit dem Kind in jedem Fall das Gespräch gesucht werden.

Was können Eltern noch tun?

Natürlich wünschen sich alle Eltern die bestmögliche Ausbildung für ihr Kind. Jedoch haben Kinder individuelle Stärken und ein unterschiedliches Lern- und Entwicklungstempo. Für Eltern ist es deshalb wichtig, das Tempo ihres Kindes zu beachten und zusammen mit dem Lehrpersonal den geeigneten Schulzweig für ihr Kind herauszufinden, damit erst gar keine Überforderungssituation durch eine falsche Schulwahl entsteht. Denn kein Kind muss zwingend die akademische Laufbahn einschlagen.

Hilfreich ist es auch, wenn Eltern ihrem Kind das gute Gefühl vermitteln, dass sie es so annehmen und lieben wie es ist – und diese Liebe keineswegs von schulischen Leistungen und Noten abhängig ist.

Klagt der Nachwuchs über körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen, entsteht ein Teufelskreis, wenn dem Kind in dieser Situation erlaubt wird, zu Hause zu bleiben. Es kann dadurch nicht die Erfahrung machen, dass der Stress gar nicht so bedrohlich ist, wie es denkt. Wichtig ist dabei, immer im Dialog zu bleiben und Unterstützung zu geben.

Kinder sollten von ihren Eltern auf keinen Fall bestraft werden, wenn die schulischen Leistungen nicht gut sind und sie dadurch eh schon Selbstzweifel haben. In diesem Fall brauchen Kinder und Jugendliche genau das Gegenteil, nämlich Bestärkung und Motivation, um nicht zusätzlich mehr an Selbstvertrauen zu verlieren. Sie müssen das Gefühl haben, dass sie auch Fehler machen und Schwächen haben dürfen – und dass sie dann Hilfe bekommen, anstatt bestraft zu werden. Wenn Eltern Interesse am Schulgeschehen haben und nicht bestrafen, wenn es in der Schule nicht „rund“ läuft, wird ihr Kind sich ihnen auch eher mitteilen.

Was Kinder und Jugendliche bei dem ganzen Stress außerdem brauchen, ist ein geregelter Tagesablauf: Gemeinsame Mahlzeiten beispielsweise, bei denen die Ereignisse des Tages angesprochen werden können. Zeit für Gespräche, in denen Eltern nach Sorgen und Problemen fragen, ohne ihr Kind unter Druck zu setzen, sind wichtig. Natürlich muss der Stress auch ernst genommen werden. Sätze wie „Ist doch nicht so schlimm!” oder „Das schaffst du schon!” sind dabei völlig fehl am Platz.

Sicherlich hilft es auch, einen straffen Tagesplan etwas auszudünnen, so dass ausreichend Freizeit vorhanden ist, in der der Nachwuchs nicht gefordert wird, sondern sich erholen kann.
Falls Sie als Eltern das Gefühl haben, dass Sie Ihrem Kind bei seinen Schulproblemen nicht mehr weiterhelfen können, wenden Sie sich an Fachleute an der Schule Ihres Kindes, wie Schulpsychologen, Jugend bzw. Schulsozialarbeiter oder an externe Beratungsstellen.

Kinder brauchen Freiräume zur individuellen Entfaltung und sollten ohne Optimierungsdruck ihre Kindheit und Jugend genießen dürfen. Etwas mehr Gelassenheit seitens der Eltern und Vertrauen in ihre Kinder, dass sie ihren Weg meistern werden, sind wohl die besten Mittel!

DAK-Studie
Der DAK-Präventionsradar wurde im September 2017 erstmals veröffentlicht und erscheint seitdem jährlich. Er untersucht, wie es um das Gesundheitsverhalten sowie das körperliche und psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen der fünften bis zehnten Klasse steht. Grundlage der Studie ist eine großangelegte Befragung durch das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel (IFT-Nord).
Weitere Infos: www.praeventionsradar.de und www.dak.de

 

Weitere wichtige Infos zum Thema und hilfreiche Tipps lesen Sie hier im Interview mit Katrin Zirkel.

 

 

Julia Schröder
Author: Julia Schröder

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