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Lernprobleme in Corona-Zeiten

Die Schulschließungen im Zuge der Corona-Pandemie stellten viele Familien vor enorme Schwierigkeiten. Jetzt zeigt sich: Insbesondere Kinder mit erhöhtem Förderbedarf haben unter dem fehlenden Präsenzunterricht gelitten. Aber auch bislang unauffällige Kinder zeigen große Wissenslücken. Andere Kinder hingegen sind beim Online-Lernen regelrecht aufgeblüht und konnten an grundlegenden Schwierigkeiten arbeiten. Die CoronaPandemie war scheinbar Chance und Hindernis zugleich. Wie können Eltern mit den Lernschwierigkeiten ihrer Kinder in Zeiten von Online-Unterricht und Co. umgehen?

 

Plötzlich Lehrer!

Ende März 2020. Auf dem Esstisch von Astrid und Georg stapeln sich Schulbücher und Laptops. Die Kinder der beiden haben keine Schule, die Eltern müssen von zuhause aus arbeiten. Der 15-jährige Max vermisst die Schule nicht. Nur, dass er seine Freunde selten sieht und seine Eltern die Hausaufgaben kontrollieren wollen, nervt ihn. Auch seine achtjährige Schwester Emma ist von den Aufgaben genervt – und überfordert. Mathe mag sie sowieso nicht und jetzt soll sie sich den Stoff auch noch selbst beibringen. Auch Astrid und Georg stehen unter Strom: „Ständig hat man das Gefühl, den Kindern sagen zu müssen, dass sie stören: ‚Sei doch mal still, ich muss telefonieren‘. Und bei Emma sind die Hausaufgaben sowieso immer eine Geduldsprobe. Wir haben das Einmaleins so oft geübt – aber es will einfach nicht funktionieren. Da gibt es schnell mal Frust und Tränen.“ Corona verstärkt die bestehenden Probleme wie ein Brennglas. Max hat auf Schule einfach „keinen Bock“, Emma kommt mit dem Stoff nicht hinterher. Schon oft fiel der Satz: „Ach Mama, ich bin einfach zu dumm dafür!“.

Schreib-, Lese- und Rechenschwäche

Doch Emma ist weder dumm noch faul. Sie leidet an einer Rechenschwäche. Bei den wenigsten Kindern klappen Lesen, Schreiben und Rechnen direkt fehlerfrei. Wenn sich ein Kind jedoch über lange Zeiträume schwertut, Texte fehlerfrei zu lesen oder die Rechtschreibregeln zu beherrschen, könnten dahinter Lernauffälligkeiten wie Legasthenie oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) stecken, die einer gezielten Förderung bedürfen. Gleiches gilt für Kinder, denen das Rechnen ungewöhnlich schwerfällt. In diesem Fall könnte eine Rechenschwäche oder eine Dyskalkulie vorliegen. „Kinder, die an einer Dyskalkulie oder Legasthenie leiden, machen für diese Störungsbilder typische Fehler, die ganz anders aussehen als die der anderen Kinder“, erklärt die Diplomierte Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin Klara Kolyvas aus Bochum. Betroffenen Kindern wie Emma fällt es schwer, eine Verbindung zwischen Zahlen und den zugehörigen Mengen herzustellen, Größen oder Mengen zu vergleichen oder ohne Zuhilfenahme der Finger zu rechnen. Kindern mit LRS oder Legasthenie wiederum fällt der Umgang mit Schriftsprache schwer. Sie lesen sehr langsam und stockend, lassen Buchstaben aus oder fügen welche hinzu, weil sie sie nicht als Wort erkennen, übersehen und vertauschen Silben und verstehen zudem den Sinn der Texte nicht. Darüber hinaus ist die Fehlerquote bei der Rechtschreibung hoch. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (BVL) schätzt, dass etwa jedes zehnte Schulkind von Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen ist. Beides ist nicht heilbar, jedoch kann das Kind durch gezielte Förderung lernen, mit den Schwierigkeiten umzugehen. Geschieht dies nicht, fällt das Kind in der Schule immer weiter zurück und es kann zu Folgeerkrankungen wie Schulangst, Depressionen oder Verhaltensauffälligkeiten kommen. Auch auf den Alltag wirken sich Legasthenie und Dyskalkulie aus – beispielsweise im Umgang mit Taschengeld. Rückstände in der Schule würden sich meist ab der zweiten Klasse bemerkbar machen, berichtet Klara Kolyvas. Vorher könnten betroffene Kinder noch vieles kompensieren, beim Rechnen beispielsweise durch Wippen mit dem Fuß. Deuten die Probleme des Kindes auf eine Lernschwäche hin, sollten Eltern frühzeitig das Gespräch mit den Lehrern suchen und gegebenenfalls das Kind testen lassen. Erhält das Kind die Diagnose Legasthenie oder Dyskalkulie, sollte die Schuld keinesfalls bei den Eltern, der Schule oder dem Kind selbst gesucht werden. „Eine solche Störung entsteht nicht, weil ein Kind zu wenig lernt oder die Eltern zu wenig beim Lernen unterstützt haben“, so der BVL. Die Ursachen sind vielfältig und häufig auch neurogenetisch. So komme es auch zu einer gewissen Familienhäufung. Klara Kolyvas betont: „Legasthenie oder Dyskalkulie sind kein Zeichen von verminderter Intelligenz. Es sind in der Regel sehr kluge Kinder, die z.B. fantasievolle Geschichten erzählen und Texte, die sie hören, sehr gut wiedergeben können, diese aber nicht fehlerfrei zu Papier bringen. Es ist faszinierend, mit ihnen zu arbeiten, ihr Leidensdruck ist aber oftmals zu spüren.“ Der BVL betont, dass sich Legasthenie oder Dyskalkulie nicht „auswachsen“ würden. Vielmehr sei es dringend notwendig, die Kinder frühzeitig zu fördern. Anderenfalls stellen sich wie bei Emma schnell Frust und Aggression ein. Betroffene Kinder neigen dazu, auch andere Lernerfolge abzuwerten, Lernen und Üben werden mit Misserfolgen verknüpft und das ungeliebte Fach wird immer mehr gemieden, wodurch die Misserfolge weiter zunehmen. Wie können Astrid und Georg ihrer Tochter also helfen?

Lerntherapie als Lösungsansatz

Die Lernentwicklung eines Kindes mit Legasthenie oder Dyskalkulie kann durch eine individuelle Förderung positiv beeinflusst werden. Diese kann in Teilen durch die Schule erfolgen, zum Beispiel während des regulären Schulunterrichts, in speziellen Förderkursen oder in Einzelkursen. Vielerorts sei die Fördersituation in den Schulen aber unzureichend, bemängelt der BVL. Tanja Scherle, Bundesvorsitzende des BVL, schlägt im Zuge der Schulschließungen Alarm: „Bereits vor der Corona-Pandemie wurden viele Kinder mit einer Legasthenie und/oder Dyskalkulie aufgrund des Lehrkräftemangels nicht ausreichend schulisch gefördert. Jetzt spitzt sich die Situation für diese Kinder dramatisch zu, weil ihnen die notwendige zusätzliche Förderung fehlt.“ In diesem Fall sollten Legasthenie- bzw. Dyskalkulie-Trainer hinzugezogen werden; klassische Nachhilfe kann die Probleme der betroffenen Kinder nicht lösen. Bei einer Lerntherapie werden zusätzlich Methoden aus der Psychotherapie eingesetzt, individuelle Lernstrategien entwickelt und die seelische Stabilität gefördert. Die Kosten für eine Lerntherapie müssen die Familien in der Regel selbst tragen. Nur in bestimmten Fällen besteht die Möglichkeit zurKostenübernahme durch das Jugendamt. Die Kosten belaufen sich auf etwa 250 Euro im Monat. Eine klare Vorgabe, wann das Kind keine Förderung mehr benötigt, ist zu Beginn nicht möglich. Im Schnitt dauert eine Lerntherapie aber etwa eineinhalb Jahre.

Problemfall Hausaufgaben

Oft sind betroffene Kinder nicht in der Lage, neue Aufgaben selbstständig zu lösen. Sie verbringen aufgrund ihrer Schwierigkeiten mehr Zeit mit den Hausaufgaben als die Klassenkameraden, profitieren jedoch wenig bis gar nicht davon. Die Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin Klara Kolyvas ergänzt: „Für die betroffenen Kinder ist es oft ein Kampf, dem straffen Lernplan zu folgen, weil gewisse Grundkompetenzen fehlen und der Lernstoff aufeinander aufbaut. Im Lerntraining arbeiten wir an genau dieser Basis. Ich hole das Kind da ab, wo es steht, unabhängig vom Lehrplan oder der nächsten Klassenarbeit. Denn an gewissen Dingen müssen wir so lange arbeiten, bis es verinnerlicht ist. Das geht aber in der Schule natürlich nicht.“ In solchen Fällen rät der BVL, dass die Kinder angepasste Aufgaben erhalten sollten oder mit der Schule über eine mögliche Reduzierung des Arbeitspensums gesprochen wird. Darüber hinaus gibt es – nicht nur in Zeiten von Corona – die Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs zum Beispiel durch Notenschutz für betroffene Kinder. Dann fließt beispielsweise die Rechtschreibung nicht mehr in die Benotung ein. „Regelungen wie der Notenschutz bieten den Kindern die Möglichkeit, ihr großes Potenzial unabhängig von der Lernstörung zu entfalten“, betont Klara Kolyvas.

Online-Angebote in Zeiten der Corona-Pandemie

Laut BVL hätten sich im Zuge der Schulschließungen vor allem die Probleme von Kindern mit speziellem Förderbedarf zugespitzt, die bislang keine ausreichende Förderung erhalten haben. Anders scheint es bei Kindern auszusehen, die sich bereits in Lerntherapie befinden. Klara Kolyvas, die derzeit rund 15 Grundschüler betreut, berichtet beispielsweise: „Im Moment der Schulschließung fiel bei etlichen dieser Kinder zunächst merklich der Druck ab. Für mich bedeutete die Situation, dass wir endlich Zeit hatten, an der Basis zu arbeiten. Es tat den Kindern gut, Luft zu holen und in ihrem Tempo zu arbeiten. Viele der Methoden, die ich sonst vor Ort anwende, gingen auch problemlos am Computer.“ Einige Kinder würden auch weiterhin das Online-Angebot nutzen. Dennoch sei es schön gewesen, nach dem Sommer auch wieder persönlich mit den Kindern zu arbeiten. Während bei Klara Kolyvas alle Kinder am Online-Angebot teilnahmen, berichtet Silvia Kleinbeck-Dicke, Leiterin des Lernstudios Wattenscheid, von verbreiteter Zurückhaltung. Sie bietet neben Erwachsenenbildung und Lerntherapie auch klassische Schülernachhilfe an. Hier habe sich gezeigt: „Nur ein Drittel unserer Schüler nahm das Online-Angebot an. Der Rest war eher skeptisch. Wir führen das aber unter anderem darauf zurück, dass durch fehlende Leistungsüberprüfungen während der Schulschließungen die Kinder weniger Motivation zum Lernen hatten. Abschlussschüler und solche, die kurz vor anderen wichtigen Prüfungen standen, haben hingegen die Online-Möglichkeiten gerne angenommen.“ Aber auch Silvia Kleinbeck-Dicke berichtet von Schülern, die von den neuen Lernformaten profitierten: „Einige unserer Schüler sind beim Online-Lernen geradezu aufgeblüht und haben sich getraut, offener Fragen zu stellen oder zuzugeben, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Auch die Lernzeiten konnten individuell angepasst werden.“ Die Betreuung vor Ort bleibe aber weiterhin wichtiger Bestandteil. Auch, weil das Onlinelernen gewisse Dinge voraussetze wie eine gute Internetverbindung, einen ruhigen Arbeitsplatz und mindestens ein Tablet oder einen Computer, weil das Smartphone nicht ausreiche. Dies könne man aber nicht bei allen Familien voraussetzen. Ebenfalls problematisch: Insbesondere Kinder mit Lernschwächen hätten Schwierigkeiten, sich selbst ausreichend gut zu organisieren. Auch die Kommunikation über Chats bereite vor allem denjenigen Schwierigkeiten, die unsicher in der Schriftsprache seien – beispielsweise Kindern mit Migrationshintergrund oder Legasthenie. Ähnliches beobachtete Tobias Rode von Mirowa Nachhilfeplus in Wattenscheid: „Besonders abgehängt sind lernschwache Kinder und diejenigen aus sozial schwächer gestellten Familien“.

Muss mein Kind zur Nachhilfe?

Sollten Kinder Anzeichen einer Legasthenie oder Dyskalkulie zeigen, sollten frühzeitig in Absprache mit den Lehrern, Eltern und Lerntherapeuten angepasste Fördermaßnahmen eingeleitet werden – auch unabhängig von der Corona-Situation. Doch auch bislang unauffällige Kinder fielen im Schulstoff teils weit zurück. Insbesondere ältere Kinder hatten oft keine Lust, sich aus eigenem Antrieb mit dem Stoff zu beschäftigen, es fehlte an Struktur und digitaler Ausstattung seitens der Schulen und an allgemeinen Konzepten für den „Unterricht zuhause“. Tobias Rode von Mirowa berichtet von erschreckenden Zuständen: „Die Online-Kompetenz mancher Lehrender geht übers Schreiben von E-Mails nicht hinaus, es fehlte an Regelmäßigkeit und die Prüfungsvorbereitung hat unter der Schließung von Nachhilfeinstituten und anderen Lernorten gelitten“. Durch die Jahrgangsstufen hindurch würden die Klassen den Lehrplänen teils um Monate hinterherhinken. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob diese Rückstände im Normalbetrieb aufgeholt werden können“. In diesen Fällen kann Nachhilfe helfen, die Lücken zu schließen. „Als klassische Alarmzeichen gelten immer noch die Klassenarbeitsnoten. Die sagen zwar wenig über die Intelligenz eines Kindes aus, aber viel darüber, wie gut es mit dem Schulstoff zurechtkommt. Bei allen Noten, die schlechter als befriedigend sind, sollten Eltern sich zunächst mit dem Kind zusammensetzen und ergründen, woran es gelegen haben könnte“, erklärt Silvia Kleinbeck-Dicke. „Hat das Kind etwas nicht verstanden, hatte es mit der Prüfungssituation Probleme, lag es an der Lernstrategie oder war es vielleicht einfach nur faul? Bei größeren Schwierigkeiten sollte auch das Gespräch mit den Lehrern gesucht werden, da diese den Lernstand der Kinder meist gut einschätzen können.“ Anschließend sei es wichtig, den passenden Ansatz zu wählen. Einigen Kindern hilft es, mit einem anderen Kind zusammen zu lernen. Andere nutzen gern Lernvideos oder -spiele. Ob Nachhilfe in Anspruch genommen werden sollte, lasse sich am besten direkt bei einer Probestunde oder im Gespräch mit professionellen Nachhilfeeinrichtungen klären. Dabei sei es wichtig, die Frage zu klären, was das Kind erreichen möchte, und was es bereit ist, dafür zu tun.

Können Eltern Lehrer sein?

Experten warnen davor, sich als Elternteil im Zuge der Corona-Pandemie selbst zu sehr in die Kritik zu nehmen, wenn sich bestehende Lernschwierigkeiten bei den Kindern plötzlich verstärken oder bislang gute Schüler auf einmal schlechtere Noten schreiben. Eltern wurden nicht dazu ausgebildet, ihre Kinder zu beschulen. Ein Gefühl der Überforderung sei deshalb völlig normal und nichts, wofür man sich schämen sollte. Klara Kolyvas berichtet: „Rückblickend haben all die Eltern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ihre Kinder bestmöglich im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt. Sie haben den Kindern in dieser verrückten Zeit auch viel Schutz geboten. Das sollte man nicht unterschätzen.“ Silvia Kleinbeck-Dicke ermutigt die Eltern: „Wer es sich zutraut, der kann natürlich seine Kinder zuhause beim Lernen unterstützen. Gleichzeitig sollte man aber auch offen zugeben, wenn man nicht weiter weiß. Es ist auch völlig normal, dass man als Elternteil nicht reibungslos zwischen ‚Warum sieht dein Zimmer immer noch aus wie ein Saustall‘ und ‚Komm, wir gucken uns nochmal die Mathehausaufgaben an‘ wechseln kann. Besonders, wenn die Familie durch die allgemeine Corona-Situation ohnehin schon belastet ist.“ Gerade jetzt kann es daher sinnvoll sein, professionelle Beratung zu suchen und sich nicht an den Lernproblemen der Kinder „abzuarbeiten“. Hilfe finden Eltern bei schulpsychologischen Beratungsstellen und Erziehungs- oder Familienberatungsstellen. Klara Kolyvas betont: „Wichtig ist, vor den bestehenden Problemen nicht die Augen zu verschließen, sondern das Kind gemeinsam mit Fachleuten so zu unterstützen, dass es einen zufriedeneren und angstfreien Weg im Leben gehen kann.“

Beratungsstellensuche: Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
www.bke.de

Autorin: Bettina Fischer

 

Übrigens: Wer sich aufgrund von Legasthenie oder anderen Leseschwierigkeiten schwer tut, ein Hausaufgabenheft zu führen oder mit Terminkalendern zu arbeiten, dem könnten die von Logopäden entwickelten Kalender von Pictogenda helfen. Eine ausführliche Beschreibung finden Sie hier!

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