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Diskriminierung in Kinderbüchern – Interview mit Britta Kiwit

Diskriminierung in Kinderbüchern
(c) Britta Kiwit

Kinder sind von einer Vielfalt von Geschlechterrollen und Familienmodellen umgeben. Dennoch werden sie längst noch nicht alle im Kinderzimmer und den Bücherregalen der Kleinsten gleichberechtigt thematisiert. Britta Kiwit möchte mit Avalino genau dort ansetzen.

In einem Interview  hat sie dem REVIERkind erzählt, was das problematische an Diskriminierung in Kinderbüchern ist und was Eltern für mehr Vielfalt im Kinderzimmer tun können.

Stellen Sie sich doch bitte einmal vor.

Ich bin Britta (sie/ihre), 32, gebürtige Essenerin, Gründerin und die Mutter von Ava, die auch Namensgeberin für meine Plattform Avalino ist. 

Mit Avalino setze ich mich für mehr Vielfalt im Kinderzimmer ein. Identifikationsfiguren in Büchern sind enorm wichtig für das Selbstwertgefühl und so achte ich bei meinen Buchvorstellungen darauf, dass zum Beispiel auch schwarze Kinder, Kinder mit Behinderungen oder Regenbogenfamilien in den Geschichten vorkommen und die Hauptrollen spielen – denn nur so können wir die Welt abbilden wie sie ist.

Was war für Sie der entscheidende Auslöser, durch den Sie auf Diskriminierung in Kinderbüchern aufmerksam geworden bist?

So richtig bewusst wurde mir die Thematik erst bei einem Buch namens “Auf der Baustelle”. Ava war 18 Monate alt und liebte Bagger und große Maschinen. In anderen Büchern tippte sie wild auf die gezeichneten Personen und rief „Ava!“. In dem Buch auf der Baustelle waren jedoch nur weiße männliche Bauarbeiter zu sehen und meine Tochter blieb beim Vorlesen bis zum Schluss komplett stumm.

Ich merkte, wie traurig mich das machte und fragte mich etwas zu aufgewühlt und emotional: „Was ist, wenn meine Tochter jetzt denkt, dass sie nicht Bauarbeiterin werden kann?“ Ich fragte mich, wie einseitig, trist und unwahr die Welt ist, die ich meiner Tochter beim Vorlesen zeige. Und: Wie müssen sich schwarze Kinder, aber auch Kinder mit Behinderungen oder Kinder mit zwei Papas fühlen, wenn sie sich in Büchern und Geschichten nie wiederfinden und sich nie mit den Charakteren identifizieren können?

Was ist das Problematische daran?

Weil Kinder vorurteilsfrei zur Welt kommen und ich der festen Überzeugung bin, dass man bereits im Kinderzimmer anfangen sollte Vielfalt, Diversität und LGBTQ+ zu behandeln, damit sich Stereotype, Diskriminierung und Rassismus gar nicht erst verankern können.

Wenn wir Kindern immer nur die gleichen traditionellen Familienkonstellationen zeigen mit Mama und Papa, nur weiße Kinder abbilden, die auch noch alle den gleichen Körper haben und Mädchen rosa und Jungs hellblau tragen, dann prägen wir bereits in jungen Jahren eine Norm, mit der sich alle vergleichen. 

Worauf achten Sie seither beim Kauf von Kinderbüchern?

Ich lese mir erst die Geschichte durch und schaue, ob ex- und implizit auf Diversität geachtet wurde. Bei manchen Büchern ist es zum Beispiel gar nicht Teil der Handlung, dass das Kind zum Beispiel bei den beiden Vätern lebt, sondern ganz natürlich – das finde ich ganz großartig. 

Was können Ihrer Meinung nach Eltern tun/besser machen?

Oft ist das Thema emotional aufgeladen bei Eltern. Als ich klein war, waren diese Themen überhaupt nicht auf dem Radar und wir sind wahrscheinlich alle mit Conny, Leo Lausemaus und Pipi Langstrumpf groß geworden. 

Zu verstehen, dass es aber auch andere Bücher gibt und manche Bücher von Pipi Rassismus reproduzieren und deshalb ich nicht mehr vorlese, bedarf ein konstantes Hinterfragen der eigenen Ansichten. Aufgeschlossen und weltoffen bleiben ist ein super erster Schritt. 

Sie sind mit dem Projekt Avalino auch auf TikTok und Instagram aktv. Welches Ziel verfolgen Sie auf den Plattformen?

Ich möchte an erster Stelle Vielfalt ins Kinderzimmer bringen und zum Nachdenken anregen. Das mache ich oft mit kleinen, humorvollen Clips zu gesellschaftskritischen Themen. Ich arbeite viel mit Stereotypisierungen und Klischees, aber auch mit Rassismus, Diskriminierung oder Sexismus im Alltag – eine lockere Art der Aufklärung quasi. 

Nennen Sie uns doch einmal Ihre aktuellen drei Buchhighlights und was sie so besonders macht.

Nummer 1: “Alex, abgeholt” (ein Kinderbuch für die ganz Kleinen (ab Kita-Alter))

Alex, abgeholt – (c) Beltz
(c) Beltz / Danielle Graf / Katja Seide

Die Geschichte ist sehr simpel: Alex möchte nicht aus der Kita abgeholt werden und alles ist zu viel. – Es sind die Details, die das Buch so lesenswert machen: Es hilft Eltern zu verstehen, warum Kinder nach der Kita manchmal schlecht drauf sind. Außerdem spielen die Mädchen mit Autos, ein Kind wird von seinen Mamas abgeholt, es trägt jemand eine Hijab und die Mama eines weiteren Kindes hat einen Rollstuhl auf dem Spielplatz. 

Nummer 2: „Ich bin anders als du”

Ich bin anders als du – (c) Carlsen / Constanze von Kitzing
(c) Carlsen / Constanze von Kitzing

In der großen Ausführung von Constanze von Kitzing. Das Buch ist ein Wende-Bilderbuch zum Vor- und Mitlesen über Vielfalt, Selbstbewusstsein und Zusammenhalt und zeigt jegliche Art von Familienkonstellation und andere wichtige Vielfaltsthemen.

Nummer 3:Von wegen Bienchen und Blümchen” 

Von wegen Bienchen und Blümchen – (c) EMF Verlag / Carsten Müller, Sarah Siegl und Illustratorin Emily Claire Völker
(c) EMF Verlag / Carsten Müller, Sarah Siegl und Illustratorin Emily Claire Völker

Damit unsere Kinder nicht mit der BRAVO aufgeklärt werden müssen wie wir damals, bin ich unendlich dankbar über dieses großartige Buch. Aufklärung ist ein extrem wichtiger Schutz vor Missbrauch und das Buch geht großartig auf sexuelle Aufklärung, Gefühle und Körpergrenzen ein.

Weitere Infos zu Avalino: www.instagram.com/avalino.diversity und www.tiktok.com/avalino.diversity

Vanessa Wobb
Author: Vanessa Wobb

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